In der Hand

Ein Job ohne Zukunft

Drei Bewerber beim Vorstellungsgespräch, doch das Auswahlverfahren ist teuflisch gefährlich.
Pappschachtel
Bild von Mohammed Salem auf Pixabay

Die Zukunft beginnt gestern

Jochen will noch einmal durchstarten, da kommt ihm das Angebot einer Firma für neue Technologien gerade recht. Zusammen mit zwei anderen Bewerbern wartet er in einem Konferenzraum auf das Vorstellungsgespräch. Doch dann geht das Licht aus und niemand weiß, ob das Job-Assignment nicht längst begonnen hat. Vor jedem von ihnen steht eine Schachtel mit explosivem Inhalt.
Lesezeit: 15 Minuten

Jochen bremste den Schritt und ließ zwei Männern, die eine große Fensterscheibe an einem Gurt schleppten, den Vortritt. Auf einem Gerüst schraubten andere Arbeiter an der Deckenvertäfelung herum. Bohrmaschinen hämmerten sich in den Beton und Kabel wurden durch Rohre in den Wänden geschoben. Ein Zimmermann sägte einen Balken, die Späne spritzen auf den Boden. In einer Ecke verschweißte ein Arbeiter Stahlträger. Inmitten des Chaos, wie eine Insel der Ruhe, ein Tresen aus Buchenholz, hinter dem eine Frau mit hochgesteckten Haaren auf ein Display starrte. An der Wand hinter ihr das Logo der Firma, „Cancer Defeat Labs“.
„Guten Tag!“
„Guten Tag, Herr Jeschke“, lächelte sie ihn an.
„Ich bin hoffentlich nicht zu spät.“
„Machen Sie sich keine Sorgen! Ihr Handy schließen Sie bitte hier in dieses Fach ein!“
Auf hohen Absätzen tänzelte sie zwischen Werkzeugkästen, über Plastikfolien und Abschnitten von Rohren und Hölzern hinweg zum Treppenhaus.
„Sie müssen das Durcheinander entschuldigen. Wir ziehen gerade erst ein.“
Sie stiegen die Stufen hinunter ins Untergeschoss, dann ging das Licht aus.
„Die Sicherung, das passiert öfter“, erklärte sie.
Sie warteten ein paar Sekunden, dann leuchteten die Lampen wieder. Unten angekommen öffnete die Frau vom Empfang eine schwere Metalltür zu einem fensterlosen Raum und zeigte ihm seinen Platz. Jochen setzte sich und schaute sich um. Drei Tische und drei Stühle in einem viel zu großen Raum, ansonsten nichts. Kein Beamer an der Decke, keine bunten Firmenposter an den Wänden, keine Kaffeekanne, keine Plätzchen, nicht mal Flaschen mit Wasser. Gastlichkeit sah anders aus.
Vor ihm lag eine Schachtel. An dem zweiten Tisch wippte ein Mann mit Baseballkappe und Hoodie auf seinem Stuhl, die Füße gegen die Tischkante gestemmt. Dann war da noch eine Frau in elegantem Kostüm, den Kragen der weißen Bluse hochgezogen, das Dekolletee gerade so weit, dass es Interesse weckte, ohne offenherzig zu sein. Kurzes Nicken zum Gruß, der Mann tippte mit dem Finger gegen den Rand seiner Kappe.
Bohrhämmer, Trennscheiben, die sich durch Fliesen schnitten, der Krach der Baustelle drang bis zu ihnen durch. Jochen zwang seinen Blick selbstbewusst in die Leere, doch die Augen wollten ihm nicht gehorchen. Immer wieder zappelten sie in den Höhlen zu den beiden anderen. Denen ging es nicht anders als ihm. Schließlich konzentrierte er sich auf die Schachtel vor seiner Nase. Schwarzer Karton, der Deckel mit rotem Klebestreifen festgehalten – vermutlich Requisiten für das Job-Interview. Plötzlich wurde es dunkel.
„Die Sicherung, das passiert hier öfter“, näselte der Mann mit der Kappe. Stuhlbeine ploppten auf den Boden. Vermutlich nahm er nun eine dem Anlass angemessene Sitzposition ein. Kleiderstoff raschelte verhalten. Die Blondine musste sich unbehaglich fühlen, allein mit zwei Männern in einem stockdunklen Raum. Draußen verstummte der Baustellenlärm und es war still.
„Was zum Henker soll das?“, überlegte Jochen. „Gehört das Theater schon zum Vorstellungsgespräch? Wenn ja, was erwarten sie von mir? Dass ich ruhig bleibe und beweise, dass ich in Stresssituationen den Kopf nicht verliere? Oder dass ich Initiative übernehme und Führungsqualität zeige? Was ist mit den beiden anderen Bewerbern? Vielleicht sind das ja die Interviewer?“
Er holte Luft und wollte etwas sagen, da quietschten Stuhlbeine über den Boden. Schwaches Licht von einer Uhr.
„Ha, der Kappenmann verliert die Nerven!“
Das Geräusch einer Türklinke.
„Was soll der Scheiß?“
Rütteln, Fäuste trommelten gegen die Metalltür.
„He, ist da jemand? Macht die verkackte Tür auf!“
„Den Job kannst du dir abschminken“, lächelte Jochen.
„Habt ihr eine Ahnung, was das soll?“
„Bestimmt wollen sie uns testen, wie wir auf Stress reagieren“, erklang die Stimme der Frau.

Der mit der Kappe setzte sich wieder. Jochen lauschte in die Stille. Ohne Augenlicht konnte man die Welt nicht auf Abstand halten, man musste sie an sich heran lassen. Ein zarter Schleier blumigen Parfums zog an seiner Nase vorbei. Er fühlte die glatte, kalte Tischplatte, die geraden Kanten der Schachtel. Er lupfte sie an. Sie war nicht schwer.
„Wie lange sitzen wir schon im Dunkeln?“ Die Frau sprach leise, flüsterte beinahe.
Wieder der schwache Lichtschein.
„Zehn Minuten.“
„Es kommt mir vor wie eine Stunde.“ Ihre Stimme piepste.
„Keine Angst, Hottie! Ich bin ja bei dir.“
Dem Kappenmann schien wirklich nichts an dem Job zu liegen.
„Wenn wir nichts sehen, verlieren wir die Bezugspunkte in Raum und Zeit, so dass sich beide ausdehnen“, erklärte Jochen.
„Bist du Psychologe oder einfach nur ein Klugscheißer?“
„Ich bin Arzt.“
„Und willst in diesem Laden Computerspiele programmieren?“, lachte der Kappenmann.
„Ich soll eine klinische Studie leiten. Nanobots zur Früherkennung von Krebs.“
„Hier bei der Polarlight Fantasy Games World?“ Der Kerl kam aus dem Lachen nicht mehr raus. „Und was ist mit dir, Lady? Willst du tibetanisches Kuschelyoga mit echten Moschusochsen unterrichten?“
„Sind Sie eigentlich schon als Vollidiot auf die Welt gekommen?“ Der Typ ging ihm tierisch auf die Nerven.
„Ich soll Absatzstrukturen für selbstfahrende Taxis aufbauen. International.“ Die Frau hüstelte beim Sprechen.
„Welche Firma?“
„New Mobility Solutions.“
„Seltsam.“
„Das Logo hing oben am Empfang.“
„Bei mir war es ein anderes. Da bin ich mir sicher.“
„Verflucht! Hört ihr das auch?“
„Was denn?“
„Na, dieses Kratzen. Vielleicht aus der Schachtel?“ Die Stimme des Kappenmanns verlor an Überheblichkeit.
„Sie wollen mir nur Angst einjagen“, beschwerte sich die Frau.
„Ich höre nichts“, versicherte Jochen.
„Was ist wohl in der Schachtel?“
„Keine Ahnung. Meine ist leicht, als wäre kaum was drin.“
„Meine auch“, bestätigte die Frau.
„Meine nicht.“ Schütteln. „Da bewegt sich nichts. Vielleicht sollten wir sie öffnen.“
„Und uns auf ihr Spiel einlassen?“
„Scheiße, wir stecken doch schon mitten drin.“
„Warum geht das Licht nicht wieder an?“ Die Frau verschluckte sich an ihrer Verzweiflung.
„Die wollen uns nur Stress machen.“
Ratschen, als würde ein Klettverschluss aufgerissen. Dann wieder das Licht der Uhr.
„Verfickte Kacke! Was soll das?“
„Was ist? Was haben Sie gefunden?“
„Mullbinden, Kompressen, eine Lötlampe und …“
„Und was?“
„Einen verfluchten Böller – XXL, mit verdammt kurzer Zündschnur.“ Der Programmierer schnaufte schwer. „Was ist bei euch drin?“
Wieder Ratschen.
„Ein Handy“, meinte die Frau. „Und eine kleinere Schachtel. Könnten Tabletten sein. Ich kann es nicht erkennen.“
„Warte, ich komme zu dir, Süße!“
„Ich glaube, das möchte ich nicht.“
„Ich gebe es ungern zu, aber er hat recht.“ Jochen stand auf. „Wir müssen zusammenarbeiten, wenn wir hier weiterkommen wollen.“
Er tastete sich vor und orientierte sich dabei am Licht der Uhr.
„Gib mir mal das Handy!“
„Es ist gesperrt.“
Der Kappenmann drückte auf den Knöpfen herum. „Wäre auch zu schön gewesen! Der Notfallassistent ist ausgeschaltet.“
„Und die Tabletten?“
Papier raschelte.
„Das ist eine Abtreibungspille“, erklärte Jochen.
„Bist du schwanger? Da will sich wohl jemand vor den Unterhaltszahlungen drücken“, kicherte der Programmierer.
Die Frau räusperte sich. Jochen zog das Klebeband von seiner Schachtel und öffnete den Deckel. Darin fand er ein Bündel Geldscheine. Er zählte nach. 2.500 Euro.
„Was für eine elende Kacke ist das?“ Der Programmierer leuchtete ihm mit der Uhr ins Gesicht. „Du bist Arzt, hast du gesagt?“
Jochen nickte. Der Programmierer hob die linke Hand und leuchtete drauf.
„Würde mich mal jemand aufklären?“

veröffentlicht: 02.04. 2025, überarbeitet: 02.04. 2025
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